DrAlexanderNehmInterkommunale Gewerbegebiete - Individuelle Lösungen oder Zukunftsmodell?

Juli 2017 - Anfang Juni wurde bekannt, dass nun auch die Stadt Frankfurt am Main ein interkommunales Gewerbegebiet ausweisen möchte, zusammen mit der östlich von Frankfurt gelegenen Stadt Maintal. Hintergrund sind die Expansionswünsche eines in Frankfurt angesiedelten Unternehmens, das seinen Standort auf diese Weise nach Maintal ausweiten kann.

Wir haben unseren Experten in Sachen Gewerbegebiete, Dr. Alexander Nehm, gefragt, ob er in diesem Modell der interkommunalen Gewerbegebiete in Deutschland einen Ausweg für all diejenigen Regionen aus dem Dilemma der Flächenknappheit sieht, die bereits jetzt aus allen Nähten platzen. Und davon gibt es einige.

Heißt es durch die Schaffung von interkommunalen Gewerbegebieten bald „Zersiedelung ade“?

Nehm: "Ich sehe in der Schaffung von interkommunalen Gewerbegebieten klare Vorteile für die beteiligten Kommunen. So können die Kosten für die Erschließung neuer Flächen genauso geteilt werden wie die Kosten für deren Vermarktung. Und mit einem interkommunalen Gewerbegebiet anstelle eines Stand-Alone-Standorts profitieren nicht nur die beteiligten Kommunen, sondern auch die Unternehmen von zahlreichen Synergien, die bei einer solchen Partnerschaft entstehen. Man denke nur an die gemeinsame Nutzung von Ressourcen, wie dem ÖPNV oder Effekte des Standortmarketings. Mit diesem Modell könnte die Zersiedelungsproblematik zumindest teilweise umgangen werden."

Welches Argument wiegt in Ihren Augen stärker: Der Leidensdruck, weil Unternehmen keine Flächen zur Verfügung gestellt werden können, oder die Chancen, die durch dieses Modell entstehen?

Nehm: "Für mich aktuell ganz klar der Leidensdruck: Bereits angesiedelte Unternehmen, die weitere Expansionsflächen benötigen, können in einer von Flächenknappheit betroffenen Region einem Unternehmensumzug nur entgehen, wenn die Kommune weitere Flächen für dieses Unternehmen nutzbar machen kann. Im Fall Frankfurt und Maintal war möglicherweise der Druck für die Stadt Frankfurt groß genug, um sich den neuen Möglichkeiten und Chancen, die ein interkommunales Gewerbegebiet mit sich bringt, zu öffnen."

Und in Zukunft?

Nehm: "Die Möglichkeiten und Vorteile, die ein interkommunales Gewerbegebiet mit sich bringt, haben eher wenige Kommunen in Deutschland im Blick. Meiner Erfahrung nach handeln Wirtschaftsförderungen in diesem Punkt leider noch sehr zögerlich – das lokale Kirchturmdenken herrscht vor. Denn schlussendlich entscheidet über die Ausweisung neuer Flächen immer die Kommune, und natürlich steht für jeden Bürgermeister die Schaffung von Arbeitsplätzen und der Erhalt von Gewerbesteuer im Vordergrund. Die Verantwortlichen müssen also jedes Mal abwägen, wie sie diesem Ziel am ehesten näherkommen. Und oft ist für die Kommune das eigenständige Handeln, also ohne die Schaffung von Partnerschaften, die vermeintlich beste Lösung. Denn: Nicht nur die Kosten werden bei einem interkommunalen Gewerbegebiet geteilt, sondern eben auch die Einnahmen."

Gibt es weitere Gründe für die Skepsis der deutschen Kommunen?

Nehm: "Die Tatsache, dass häufig einer der Partner der bekanntere, schlagkräftigere, der mit dem guten Image, und der andere sozusagen der Junior-Partner ist, spielt sicherlich auch eine Rolle. Eine partnerschaftliche Ausgestaltung einer für beide oder mehrere Partner zufriedenstellenden Konstellation zu finden, ist nicht einfach. Standardisierte Lösungen existieren hier nicht."

Es scheint also so, als blieben interkommunale Gewerbegebiete vorerst individuelle Lösungen für einzelne Kommunen?

Nehm: "Nicht unbedingt. Allerdings werden wir mit der steigenden Flächenknappheit in vielen Regionen in Deutschland in Zukunft dieses Modell immer häufiger sehen."

 


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